«Ich möchte mit anderen teilen, was ich in meinem Leben erhalten habe»
Ursula Kern, sie heisst in Wirklichkeit anders, beantwortet seit dreieinhalb Jahren Anrufe beim malreden-Alltagstelefon. In ihrem Berufsleben hat sie sich als Pflegedienstleiterin unter anderem mit der Gesundheit von Randständigen und Süchtigen befasst. Heute engagiert sie sich für Menschen, deren Leben von Einsamkeit geprägt ist.
Ursula Kern, kennen Sie Einsamkeit aus eigener Erfahrung?
Ja, auf jeden Fall, in jedem Lebensabschnitt kann es Einsamkeit geben. Die habe ich auch erlebt, und mal besser, mal weniger gut überstanden. Sie gehört zu unserer Entwicklung, zu unserer Lebenserfahrung und ist oft unterschiedlich schmerzhaft. Im zunehmenden Alter verstärken sich Einsamkeit und Alleinsein, weil sich das soziale und familiäre Umfeld verändert. Abschied, Verlust und Trauer kommen dazu, auch das sind Lernfelder, die auf mich zukommen werden. Das sind natürliche Prozesse, die wir Menschen ganz unterschiedlich erleben und aushalten. Sie brauchen oft Kraft und Energie. Ein offenes Ohr und ein wenig Zeit von unseren Mitmenschen können in solchen Situationen hilfreich sein.
Weshalb engagieren Sie sich gerade bei malreden?
Als Mitglied eines Vereins, der sich um abhängigkeitserkrankte Menschen kümmert, habe ich dem Vorstand vorgeschlagen, malreden mit einem Betrag finanziell zu unterstützen. So bin ich erstmals mit malreden in Berührung gekommen, denn ich kannte diese gemeinnützige Organisation lediglich aufgrund eines Zeitungsartikels. Die Aufgabe als malreden-Freiwillige hat mich sofort fasziniert. Bei dieser Tätigkeit muss ich nicht so viel Verantwortung tragen wie in meinem Berufsleben und kann den anrufenden Menschen Zeit schenken, ohne sie beraten zu müssen.
Wie wichtig ist für Sie Freiwilligenarbeit grundsätzlich?
Sie ist notwendig, weil Politik und Gesellschaft schlicht nicht für alle und alles sorgen können. Zudem ermöglicht Freiwilligenarbeit allen Menschen, sich für das Gemeinwohl zu engagieren, falls ihnen das Freude bereitet. Mich persönlich motiviert, anderen zurückzugeben, was ich in meinem Leben erhalten habe. Zudem sehe ich es als ethische Verpflichtung, sich um andere zu kümmern. Mein Engagement bei malreden bietet mir eine tolle Möglichkeit, meine berufliche Erfahrung mit anderen zu teilen.
Was macht Ihnen bei malreden Spass, was weniger?
Besonders spannend finde ich die abwechslungsreichen, gesellschaftlich und bildungsmässig unterschiedlichen Geschichten unserer Anrufenden. Die Gespräche drehen sich hauptmehrheitlich um das Thema Einsamkeit, die Anruferinnen und Anrufer sind dankbar, ihre Sorgen irgendwo deponieren zu können. Mir ist es zudem wichtig, in einem Team eingebettet zu sein – bei malreden bin ich das. Immer wieder herausfordernd jedoch ist für mich die Frage, wie ich Licht in die Lebensgeschichten unserer Anrufenden bringen kann. Wann und wo darf ich empathisch-neugierig Anteil nehmen, wo braucht es Zurückhaltung? Eine Gratwanderung. Da ich meine Anrufenden nicht persönlich kenne, muss ich anhand von deren Stimmung und Stimme meine Gespräche führen. So lasse ich mich oft von meinem Gefühl leiten.
Bereiten Sie sich mit einem Ritual auf die Gespräche vor?
Der Ablauf ist immer der gleiche. 30 Minuten vor dem Gespräch starte ich den PC auf, lege mein Notizheft bereit und stelle ein Glas Wasser auf mein Pult. Meist logge ich mich 15 Minuten vor meiner Gesprächsschicht ein
Wie reagieren Sie, wenn ein Gespräch schwierig wird?
Erstmal hole ich 2- oder 3-mal tief Luft. Dann versuche ich, noch genauer hinzuhören und rückmelde der Person, was ich gehört und meine, verstanden zu haben. In gewissen Fällen weise ich die Anruferin darauf hin, dass ich ihr Problem nicht lösen kann und schlage ihr stattdessen vor, gemeinsam über ein mögliches Vorgehen nachzudenken. Das erleichtert oft die Gesprächssituation. Ich suche dann nach den Ressourcen dieser Person, denn manchmal sind unsere Anrufenden resilienter als sie glauben.
Wie schützen Sie sich vor verbalen Angriffen?
Ich schaffe Klarheit für mich und mein Visavis. Zum Beispiel toleriere ich keine rassistischen und sexuellen Bemerkungen. Der gegenseitige Respekt während den Gesprächen ist mir sehr wichtig. Wenn im Gespräch verbale Angriffe vorkomme, bitte ich die Anruferin oder den Anrufer um einen höflichen Gesprächston. Falls ein Gespräch mal wirklich entgleist, bespreche ich mich mit der Geschäftsleitung und erhalte dort die nötige Unterstützung. Die Supervisionen, die malreden für uns Freiwillige organisiert, sind ebenfalls hilfreich, der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen bringt viel Entlastung und gegenseitiges Verständnis.
Besprechen Sie sich manchmal mit anderen malreden-Freiwilligen?
Ja, ich bin in ein Team eingebunden, wir sind gemeinsam unterwegs, können uns mitteilen, was wir schwierig und was wir gut finden. Dieses gegenseitige Verständnis und die erfahrene Wertschätzung kommen mir sehr entgegen. Bei malreden ist es diesbezüglich angenehmer als im hektischen Berufsalltag von früher.
Ist es für Sie schwierig, wenn Sie die Anruferinnen und Anrufer, die Ihnen ans Herz gewachsen sind, nicht persönlich kennenlernen können?
Zu Beginn führe ich mit den Anrufenden eine Art Fernbeziehung. Je besser ich sie kennen lerne, desto mehr vertieft sich unsere Verbindung. Gelegentlich kommt bei mir der Wunsch hoch, bei der anrufenden Person vorbeizuschauen oder mit ihr in ein Café zu sitzen und zu plaudern. Das geht jedoch bei malreden nicht, hier pflegen wir den Kontakt auf eine andere Art und Weise. Der Kontext der Anonymität und der Verschwiegenheit ist für uns absolut verbindlich und ist einzuhalten. Dies ermöglicht unseren Anrufenden, ihre Lebensgeschichten mit uns zu teilen im Vertrauen, das nichts nach aussen getragen wird.
Diese unverbindlichen Beziehungen bringen mir auch Vorteile, sie erlauben mir, verschiedene Menschen kennen zu lernen. Bei Anrufenden, die mich an ihrem Leben teilhaben lassen, muss ich manchmal Monate warten, bis ich sie wieder einmal in meiner Schicht am Draht habe. Meist ist es dann so wie bei guten Vertrauten – das Gespräch beginnt dort, wo das letzte aufgehört hat. Dadurch entsteht eine persönliche Nähe.
Wie ist es für Sie, wenn Menschen, die Sie über lange Zeit begleiten, plötzlich nicht mehr anrufen?
Wenn ich feststelle, dass eine Person nicht mehr anruft, die früher regelmässig telefoniert hat, muss ich mich auf meine Fantasie verlassen. Ist sie ins Altersheim gezogen, braucht sie malreden nicht mehr oder ist sie vielleicht krank oder gestorben? Ich muss loslassen und akzeptieren, dass ich nicht weiss, was mit diesen Menschen passiert ist. Doch bleiben mir die Geschichten, die uns verbunden haben.
Welche Verbesserungsmöglichkeiten sehen Sie für malreden?
Ideen habe immer einmal wieder, etwa, dass sich die social Media Auftritte intensivieren lassen. Ich informiere auch gern über malreden im Bekanntenkreis, im Dorf, bei unterschiedlichen Begegnungen mit Mitmenschen. So, wie wir jetzt aufgestellt sind, mit unserem stabilen Team, finde ich es gut, wie es ist. Mir ist es wichtig, dass es dem ganzen Team gut geht.