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Ein Pechvogel auf der Suche

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Reto Grünig hat im Radio vom malreden-Angebot gehört. Das war vor etwa eineinhalb Jahren. Seitdem ruft der 62-jährige Mann, der anders heisst, regelmässig bei seiner malreden-Tandempartnerin und dem malreden-Alltagstelefon an. Hier findet er die aufmerksamen Zuhörerinnen und Zuhörer, die ihm in seinem Umfeld fehlen.

«Die meisten Menschen leben in ihrer eigenen Blase und sind dort gefangen. Kaum jemand findet die Musse, zuzuhören.» So erklärt Reto Grünig die Gründe dafür, dass er regelmässig bei malreden anruft. «Zuhören bedeutet, seine Gesprächspartnerinnen ausreden zu lassen und sie  ernst zu nehmen. Das macht heute kaum jemand. Und wenn, dann bewegen sich viele Diskurse nur auf der Oberfläche.» Das stört ihn. «Fragt man Menschen nach ihrem Wohlbefinden, ist das meist eine Floskel. Niemand interessiert sich wirklich, wie es seinem Gegenüber geht. Smalltalken ist zwar manchmal möglich, für  eine vertieftere Diskussion wie etwa über Politik lassen sich jedoch kaum Interessierte finden. Denn, jeder von uns trägt seinen eigenen Rucksack und ist in seiner Weltanschauung gefangen.» Bei malreden findet er, was er in seiner Aussenwelt vermisst: Aufmerksame und interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer. «malreden ist für mich eine optimale Anlaufstelle, keine andere wird meinen Bedürfnissen gerecht.»

Reto Grünig ist alleinstehend, sein einziger Bruder und seine Mutter sind gestorben. Er selber betrachtet sich nicht als zurückgezogen und doch fühlt er sich manchmal einsam. «Ich hatte vielfach Pech mit Freundschaften», so seine Bilanz. Sein «Pech» begann bereits in jungen Jahren: Der Schulfreund zog weg nach Deutschland. Er und Reto Grünig hatten sich gegenseitig immer wieder besucht, denn beide interessierten sich für Modelleisenbahnen. «Damals gab es noch keine Handys, es war für mich unmöglich, den Kontakt mit meinem Schulfreund aufrecht zu erhalten, die telefonischen Auslandgespräche vom Festnetz aus waren zu jener Zeit sehr teuer.» Kein Glück brachte ihm auch sein «bester Kollege», mit dem er während 20 Jahren täglich telefonierte. «Einmal im Jahr besuchten wir uns, denn wir lebten in unterschiedlichen Orten.» Einestages habe der Telefonfreund sein Verhalten jedoch plötzlich stark verändert, «in einer für mich negativen Art und Weise. Ich bot ihm drei Chancen, positiv zu reagieren, die er jedoch  nicht wahrnahm. Er provozierte mich, spielte mit mir und respektierte mich nicht mehr.» Das habe er nicht ausgehalten. «Ich habe feststellen müssen, das sich mein bester Kollege während 20 Jahren verstellt und seinen wahren Charakter nie gezeigt hatte.»

Ein neuer Anlauf

Er versucht immer wieder, Kontakte zu knüpfen, erzählt Reto Grünig. Seine letzte Bekanntschaft mit einer Frau ist allerdings schon ein paar Jahre her. 1988 lernte er eine Ungarin kennen, welche in der damaligen DDR lebte. «Ich besuchte sie später nochmals, doch leider ist aus dieser Beziehung nichts geworden. Frauen möchten umschwärmt werden, sich festlegen wollen sie jedoch nicht», so seine Erfahrungen.

«Einsamkeit», sagt Reto Grünig, «war für mich nicht immer Thema. Doch mir fehlte und fehlt jemand, der zuhört, der sich für mich interessiert und mich ernst nimmt. Gegenwärtig bin ich daran, mit zwei Männern, die nichts miteinander zu tun haben, eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen. Sie haben ähnliche Interessen wie ich. Für mich jedoch eine Gratwanderung: Ich muss aufpassen, dass ich meine Gesprächspartner nicht nerve und sie nicht überfordere.» So gelte es zu akzeptieren, dass der eine der beiden Männer nur drei- bis viermal jährlich mit ihm Kontakt haben möchte. «Der Mann ist familiär engagiert und verfolgt ein eigenes Projekt.» Das versteht Reto Grünig und sagt sich: «Ein  halbvolles Glas ist besser als ein halbleeres».

Ortsnamen und ihre Geschichten

Langweilig ist es ihm nicht, seine anspruchsvollen Hobbys bringen Abwechslung in seinen Alltag. Etwa die Comics über Putin und Trump, die er mit Hilfe von KI erstellt. Einige seiner Werke hat er dem Demokraten und Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsom, unterbreitet. Ob Reto Grünigs Comics den Weg in die amerikanischen Medien schaffen, ist noch offen. Eine weitere Lieblingsbeschäftigung ist seine  Ortsnamensforschung, auf die er per Zufall gestossen ist. «Als ich damit begann, vermutete ich, es gebe diesbezüglich wenig Neues zu erforschen, da sich bereits viele Professoren mit diesem Thema beschäftigen. Doch dem war nicht so, ich komme mir vor, wie die Made im Speck», sagt er lachend. Mit den Ortsnamen verbunden sind auch Sprach- und Geschichtsforschung, denn alle Ortsnamen erzählen ihre ureigene Geschichte. «Vertiefe ich mich in das Thema, erfahre ich Dinge, die in keinem Geschichtsbuch stehen.» Er versucht, möglichst unvoreingenommen zu forschen. «Habe ich mich für einen Ortsnamen entschieden, sage ich mir jeweils: Ich weiss gar nichts.» Danach taste er sich langsam an dessen Geschichten heran. Er stellt Arbeitshypothesen auf, hinterfragt sie kritisch – und verwirft sie manchmal wieder. «Schade, dass sich nur wenige Menschen für dieses spannende Thema interessieren.» Das Desinteresse steht für ihn im Zusammenhang mit der mangelnden Bereitschaft, zuzuhören. malreden füllt auch hier die Lücke: Viele Freiwillige freuen sich schon auf die neusten Ortsnamensforschungen von Reto Grünig.

Er hat noch einiges vor in seinem Leben. «Ich selber bin ein Mensch, der versucht, immer Neues zu entdecken. Viele glauben jedoch, als Erwachsene ausgelernt zu haben. Doch in Wirklichkeit ist das ganze Leben ein Lernprozess.» Für die nächsten fünf Jahre wünscht er sich «viele Kontakte, die für mich bezüglich Qualität und Intensität stimmen, so dass ich malreden nicht mehr brauche.» Bei malreden die Seite zu wechseln und als Freiwilliger den Anrufenden zuzuhören, weitere Ortsnamen zu erforschen, Reisen zu unternehmen, Bücher zu schreiben – das sind weitere Projekte auf seiner Wunschliste. In 2,5 Jahren wird er pensioniert und hat Zeit, sich seine Träume zu erfüllen.

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