«Die Gespräche helfen mir, Belastungen zu verarbeiten»
Arthur ist um die 60 Jahre alt und heisst anders. Wöchentlich einmal telefoniert er mit seinem Tandem-Gesprächspartner bei malreden. Diese Gespräche bringen ihm den «Seelenfrieden» zurück, sagt er. Porträt eines Mannes, der ein bewegtes Leben hinter sich hat.
Vor etlichen Jahren habe er sich entschieden, nicht mehr Psychologen und Freunde mit seinen Problemen zu «überhäufen», sondern die Dargebotene Hand unter der Nummer 143 anzurufen. «Ich bin über ein Viadukt gelaufen und entdeckte einen Hinweis: ‘Bitte springen Sie nicht, rufen Sie 143 an’». Das habe ihn auf diesen Telefondienst aufmerksam gemacht. «Zwischendurch rufe ich ab und zu immer noch 143 an. Etwa abends oder zu Zeiten, wo ich meinen malreden-Partner nicht erreichen kann.» Heute spricht er mehrheitlich mit seinem malreden-Tandempartner.
Er wünscht sich, ein normales Leben führen zu dürfen
Arthur möchte seine Sorgen gerne mit jemandem teilen, sagt er. «Wenn ein Mensch an meinen Sorgen Anteil nimmt, verringert sich mein Ballast. Wer gut zuhören kann, bringt mich oft auf Lösungen, die ich nicht selbst gefunden hätte. Und falls es keine Lösung gibt, helfen die Gespräche mir, Belastungen zu verarbeiten.» Weiter sagt er: «Allein zu sein, ist Gift. Niemand ist gerne allein. Nach den malreden-Gesprächen kann ich mich beruhigen, ich merke, dass alles doch nicht so schlimm ist und muss meine Situation gar nicht zwingend verbessern. Ich kann beruhigt sein, dass ich eine Lösung finden werde oder dass sich das Problem von selbst löst. Die Anrufe bei malreden bringen mir den Seelenfrieden zurück.»
Arthur ist es wichtig, mit Personen zu sprechen, die geschult sind und sich in andere Menschen einfühlen können. «Ich rufe nicht wahllos jemanden an. malreden ist einmalig und eine Supersache.» Im Altersheim, wo er seit vier Jahren lebt, finde er keine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, «die meisten sind müde, mögen nicht reden, jammern oder tratschen.» Meist sitzt Arthur im Rollstuhl, weil er nicht gut zu Fuss ist. Sein grösster Wunsch sei es, in eine eigene Wohnung ziehen zu können und ein «normales Leben» führen zu dürfen.
Seine schwierige Lebenserfahrungen haben ihn geprägt
Dafür, dass der einst aufgeweckte und humorvolle Bub in die Einsamkeit abgerutscht ist, gibt es verschiedene Gründe. «Ich hatte eine glückliche Kindheit, eine gute Erziehung, gute Schulen, verständnisvolle Lehrer, eine lehrreiche Ausbildung und einen Berufsabschluss mit Topnoten.» Doch nach der Lehre fand er keine Stelle. «Die erste Arbeitslosigkeit mit 20, das war happig», erinnert sich Arthur. Später fand er Arbeit in einem KMU, doch dort lief es nicht ganz rund. Probleme in der Administration hätten ihn überfordert. Obwohl er für die Probleme nicht mitverantwortlich war, habe er die Stelle dann gekündigt. «Das war ein grosser Fehler», sagt er rückblickend.
Eine prägende Rolle hat die sektenähnliche Glaubensgemeinschaft gespielt, bei welcher seine Eltern Mitglied waren. «Ich war mir nach der Kündigung meiner Stelle unsicher, ob ich in meinem angestammten Beruf Karriere machen oder ob ich als Prediger Gott dienen soll.» Er habe sich dann für die «Karriere für Gott» entschieden. Daraufhin habe ihm das Leben «einen Tritt in den Hintern» versetzt, erzählt er. Er habe gespürt, dass sein Entscheid ein Fehler war. Die Versicherung der Glaubensgemeinschaft, Gott werde ihm stets helfen, habe sich nicht bewahrheitet. Recherchen und Hinterfragungen zur Glaubensgemeinschaft, mit der er aufgewachsen ist, hätten ihm dann Folgendes gezeigt: «Die wahre Erleuchtung ist nicht dort zu finden. Diese Gemeinschaft hat mir geschadet.» Als Jugendlicher habe er seine Sexualität nicht ausleben können und durfte sich Frauen nur heimlich in Modeheften ansehen. «Sex vor der Ehe war streng verboten. Ich habe geglaubt und gehorcht.»
Sein Leben beeinflusst hat auch ein Unfall, den er als Kind erlitten hatte. Die vom Hausarzt vorausgesagten Nachwirkungen trafen dann auch ein: Augenmigräne, verbunden mit Panikattacken. «All diese Erfahrungen in meiner Jugend haben mir psychisch geschadet, heute leide ich an neuropsychologischen Beeinträchtigungen.»
Mit seinen Hobbys findet er einen Ausgleich
Von der Glaubensgemeinschaft hat er sich inzwischen distanziert. Den definitiven Austritt wagt er nicht, weil er befürchtet, diffamiert zu werden. Doch: «Ich lasse mich nicht mehr verbiegen.» Seine beruflichen Wünsche, die er aus Rücksicht gegenüber den strengen Regeln der Sekte nicht realisieren könnte, lebt er heute teilweise als Hobby aus. Er hat für sich das digitale Malen entdeckt, 400 Lieder komponiert und diese auf YouTube festgehalten, bei Spotify finden sich Geschichten von ihm. Er hat sogar eigene Websites kreiert – in Englisch und Deutsch – und verkauft nun seine Kunst. «Ich bin jetzt ein wenig von allem, Werbefritz, Publizist, Improvisateur, Ideengeber – alles, was ich als jung nie ausleben durfte.» Eigentlich wollte Arthur Journalist werden. Obwohl in die Journalistenschule aufgenommen, habe ihm seine Mutter verboten, diesen Beruf auszuüben. «Du musst dann aus einem Kriegsgebiet berichten und wirst umgebracht», so ihre Argumentation. Auch die Schauspielschule durfte er nicht absolvieren, die Mutter befürchtete eine Liebesbeziehung mit einer Schauspielkollegin.
«Star bei Gott» zu sein, das sei das Richtige, habe er als Kind oft gehört. Auch sei er immer wieder mit Angst manipuliert worden, unter anderem mit Aussagen wie diesen: «Wenn du deiner Glaubensgemeinschaft nicht folgst, wirst du getötet.» Tragödien, sagt er, die es heute nach wie vor gibt.
Hinweis der Redaktion: Arthur möchte, dass die Glaubensgemeinschaft in diesem Artikel beim Namen genannt wird, «um andere Menschen vor dem gleichen Schicksal zu bewahren». Zum Schutz des Anrufenden wird der Name jedoch nicht publiziert.